Interview mit Dr. P. Andri Vital

Dr. P. Andri Vital ist der Präsident der Jagdhornbläser Schweiz.

Selbst passionierter Bläser, engagiert er sich aktiv für ein Miteinander aller jagdlichen Bläser in der Schweiz, die für ihn mit ihrer Musikkultur die Botschafter und Sympathieträger der Jagd sind. 

Die Schweiz kennt mit ihrer Vielsprachigkeit den toleranten Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. So ist es nur selbstverständlich, dass auch die vielfältigen Traditionen rund um die Jagd vereint sind.

Lieber Andri,

kennengelernt haben wir uns beim Eidgenössischen Bläserfest in der wunderschönen Altstadt von Solothurn 2015, bei dem einige Hundert Bläser aller Horntypen an Wettbewerben und einem grossen Gesamtkonzert teilgenommen haben. 

Diesen besonderen Tag werde ich nie vergessen! Während des bunten Markttreibens wurde in allen Gassen und auf den Plätzen geblasen, es war ein tolles Miteinander fürs Publikum und die Bläser. 

2017 ist das nächste Bläserfest geplant, diesmal in der Züricher Altstadt.  

Bei unserem Wiedersehen anlässlich des Konzerts der französischen Bläsergruppe „Rallye Trompes des Vosges“, das auf Initiative des Schweizer Trompe-Delegierten Luc Jallon am 11. Juni 2016 im Dom von Fribourg stattfand, entstand dies Interview:

Welche Jagdhörner werden in der Schweiz geblasen?

In der Schweiz werden vorwiegend die Fürst Pless-Hörner in B, die Parforcehörner in B und ES geblasen. Im französischsprachigen Teil der Schweiz ist auch das Parforcehorn in D, die Trompe de Chasse, vertreten.

Wie ist die Verteilung jeweils prozentual/oder in Zahlen?

Zahlen sind mir nicht bekannt. Ich schätze allerdings, dass der weitaus grösste Teil der Bläsergruppen in der Schweiz gemischt mit grossen und kleinen Hörnern in B blasen. Wenige Gruppen führen ausschliesslich das Fürst Pless-Horn in B, oder das Parforcehorn in B. Ein grösserer Teil spielt das grosse Horn in Es und schliesslich gibt es noch acht bis zehn Gruppen, welche die Trompe de Chasse blasen.

Auf welche Traditionen (auch geschichtlich) sind diese jeweils zurückzuführen und wie werden diese Musikkulturen jeweils heute gelebt?

Die Entwicklung der Jagdmusik in der Schweiz dürfte sich kulturell kaum von der europäischen Entwicklung unterscheiden. Es ist ganz klar, dass die westschweizer Jagdhornbläser stark von der französischen Tradition beeinflusst sind. Instrumente, Auftritt und Kleidung entsprechen den französischen Gepflogenheiten. 

Die Bläserformationen in der deutschen und rätoromanischen Schweiz sind hingegen von der deutschen und österreichischen Tradition beeinflusst, wenigstens historisch gesehen. Heute vermag ich aber durchaus eine eigenständige Kultur zu erkennen, insbesondere was Literatur und Spielkultur betrifft.

Wie sind die Jagdhorn-Bläser in der Schweiz organisiert? 

Unter dem Namen „Jagdhornbläser Schweiz“ besteht ein Verein gemäss Art. 60 ff. ZGB. Das besondere daran ist, dass nicht etwa Personen Mitglieder sind, sondern die einzelnen Gruppen. Der Verein besteht aus der Generalversammlung, einem siebenköpfigen Vorstand und den Rechnungsrevisoren. 

Sitzen alle an einem Tisch? Wie kann man sich das vorstellen?

Einmal im Jahr findet die Generalversammlung der Jagdhornbläser Schweiz statt. Das ist die Versammlung der Mitglieder, wobei jede Gruppe ein bis zwei Mitglieder entsenden  darf. Stimmrecht hat jedoch nur ein Mitglied je Gruppe. In der Regel finden sich etwa dreissig bis vierzig Personen ein. Wir bemühen uns einen spannenden Tag zu organisieren. Daher gibt es nebst der eher trockenen Versammlung immer auch ein gemeinsames Mittagessen und davor einen Anlass kultureller, historischer oder naturkundlicher Prägung. 

An der Versammlung selber, welche in einem geeigneten Lokal stattfindet, werden vor allem die statutarischen Traktanden behandelt, d. h. es werden das Protokoll, die Jahresberichte, die Jahresrechnung und der Revisorenbericht genehmigt bzw. zur Kenntnis genommen, aber auch der Voranschlag genehmigt und der Vorstand entlastet. Wahlen fallen ebenfalls in die Zuständigkeit der Generalversammlung. 

Weitere Traktanden können nach Bedarf auf die Traktandenliste gesetzt werden, müssen aber vorgängig der Versammlung angekündigt werden. Bei den einzelnen Geschäften kann es immer wieder zu Diskussionen kommen, z. B. über die Finanzen, über Projekte oder andere Dinge, die gerade aktuell sind. Unter dem Traktandum „Verschiedenes“ werden dann häufig Anregungen gemacht oder vom Vorstand Auskunft über irgendwelche Fragen verlangt. 

Zu Diskussion Anlass geben immer wieder die Überalterung der Bläsergruppen, das schwindende Interesse an gemeinsamen Bläsertreffen. Konnten vor noch gar nicht allzu langer Zeit etwas fünfzig Bläsergruppen mit ungefähr fünf- bis sechshundert Bläserinnen und Bläsern für das eidgenössische Bläserfest mobilisiert werden, so sind es heute nur noch dreissig bis vierzig Gruppen mit etwas vierhundert Bläserinnen und Bläsern, die sich dazu bekennen. 

Hier sind Lösungen gefragt, die anlässlich einer Generalversammlung durchaus diskutiert werden können und auch diskutiert werden. Schliesslich ist die Generalversammlung das oberste Organ des Vereins und macht sich daher zu recht Sorgen um den Fortbestand der Bläserei und der Jagd.

Wer hat die Initiative der Einigung aller Jagdhorn-Bläser in der Schweiz ergriffen? Gab es Gründe hierfür? Und welche Vorteile bringt diese Gemeinschaft?

Hier muss ich etwas ausholen. In der Schweiz gibt es zwei Jagdarten, die praktiziert werden, nämlich die Revier- und die Patentjagd. Das Jagdregal gehört den Kantonen. Über das System entscheiden somit diese. Folglich gibt es Kantone mit Revierjagd und solche mit Patentjagd. Auf schweizerischer Ebene gab es früher einen Verband der Revierjäger (ASJV) und einen Verband der Patenjäger (SPW). Der Verband der Revierjäger führte ab 1959 alle zwei Jahre einen Bläserwettbewerb durch, zunächst als Einmannschau unter der Leitung des Eidg. Bläserobmanns. Erst in den 90iger-Jahren wurde eine Kommission gebildet, welche diese Aufgabe übernahm. Fast gleichzeitig wurden Bestrebungen zur Integration der Patentjäger in diese Kommission in Gang gesetzt. Diese Bemühungen gipfelten in einem Vertrag zwischen den beiden Verbänden, der die Grundlage für eine gemeinsame eidgenössische Bläserkommission bildete. 

Einige Jahre später beschäftigten sich die beiden Verbände mit der Fusion zu „Jagd Schweiz“. Dabei war die Bläserkommission offenbar ins Abseits geraten. Niemand dachte jedenfalls daran, dass es diese Kommission gibt und dass man deren Bestand irgendwie regeln sollte. Für die Bläserkommission selber war dies wenig störend. Sie hat sich verselbständigt und einen unabhängigen, eigenständigen Verein gegründet, „Jagdhornbläser Schweiz“ eben.

Da für mich als Rätoromane die Schweiz nicht nur aus der Deutschschweiz besteht, wurde Jagdhornbläser Schweiz aktiv und bemühte sich um die Aufnahme der Jagdhornbläser aus der französischen Schweiz, was gelungen ist. Es freut mich ganz besonders, dass ich einen Verein präsidieren darf, in welchem die beiden Bläsertraditionen vereint sind. Wir stehen hier erst am Anfang. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir zusammenwachsen. Schliesslich sind wir alle Schweizer und daher gewohnt, mit unseren unterschiedlichen Sprachen und Kulturen umzugehen. Mit etwas Toleranz und gutem Willen gelingt fast alles!

Welche Konzepte zur Förderung der Pflege und Weitergabe der Jagdhorn-Musik in der Schweiz gibt es?

Unsere Bläsergruppen sind sehr aktiv und absolvieren eine Unzahl von Auftritten aller Art. Sie tun dies selbständig und ohne Beeinflussung durch den Verband. Wir nehmen diese Aktivitäten mit Freude zur Kenntnis und haben keinen Grund, hier Einfluss zu nehmen. Hingegen organisiert Jagdhornbläser Schweiz alle zwei Jahre das Eidg. Bläserfest mit Wettbewerb. Ausserdem werden Weiterbildungsseminare für die musikalischen Leiter der Bläsergruppen durchgeführt. 

Grosse Sorge bereitet uns aber die Überalterung der Gesellschaft, die wir auch im Bläserwesen kräftig zu spüren bekommen. Es müsste viel in die Jugendförderung investiert werden. Wir suchen hier immer noch nach einer Lösung. Die Möglichkeiten des Verbands sind aber sehr beschränkt. Eine nachhaltige Förderung kann meines Erachtens nur an der Basis erfolgen.

Es- und B-Horn-Bläser haben meist noch einen starken jagdlichen Bezug zu ihrem Instrument, dh. sie sind meist Jäger und setzen ihre Jagdhörner noch jagdlich ein. Die Trompe hingegen hat sich aufgrund der Aufgabe der damit verbundenen Jagdtradition im 19. Jahrhundert mehr in eine rein musikalisch orientierte Kultur entwickelt. Gemeinsam ist jedoch allen der ursprünglich jagdliche Hintergrund. Besteht damit ein Konflikt, oder ist dies eine mögliche Variante der heute gelebten Jagdmusik-Ausübung?

Ich lege Wert darauf, dass sich die Jagdhornbläserinnen und  Jagdhornbläser nicht als reine Musikanten verstehen. Sie sind die Botschafter der Jagd, ihre Sympathieträger. Die Jagdhornmusik ist somit nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck zu verstehen. Es sind vor allem die Bläserinnen und Bläser, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Sie stellen das Bindeglied zwischen der nicht jagenden Bevölkerung und der Jagd dar und können so dem häufig bewusst geschürten negativen Bild der Jäger und der Jagd emotional entgegenwirken. Damit diese Verbindung auch authentisch ist, muss darauf Wert gelegt werden, dass die meisten Jagdhornbläserinnen und Jagdhornbläser die Jagd auch aktiv ausüben. Sie verlieren sonst ihre Authentizität als Botschafter für die Jagd.

Richtig ist, dass bei der Trompe de chasse der jagdliche Bezug in den Hintergrund gedrängt wurde. Es scheint mir aber, dass die jagdlichen Wurzeln immer noch spürbar vorhanden sind. Einen Konflikt mit der anderen Bläsertradition sehe ich nicht. Wesentlich ist, dass alle Jagdhornbläserinnen und Jagdhornbläser geschlossen gegen aussen auftreten, um die Jagdtradition hoch zu halten. Die nicht jagende Bevölkerung interessieren die historischen Hintergründe über die Entstehung der verschiedenen Bläsertraditionen wenig, wenn sie einer Bläserformation zuhören, die eine gute Jagdhornmusik zum besten gibt.

  

Wie pflegt die Schweiz die Zusammenarbeit mit anderen europäischen Ländern mit Jagdhorn-Musikkultur in Es und B, z.B. Deutschland, Österreich, Polen, Tschechien? Wie funktioniert das mit der Trompe?

Unser Verband ist noch jung und vor allem noch damit beschäftigt, sich selbst zu finden. Von einer grossen Zusammenarbeit mit anderen Bläservereinigungen im Ausland kann ich daher noch nicht sprechen. Immerhin bestehen schon regelmässige Kontakte zu deutschen, österreichischen, französischen, tschechischen und italienischen (Südtirol) Verbänden und Gruppen. Diese Kontakte sollten auf alle Fälle aufrecht erhalten und, wo sinnvoll, weiter vertieft werden.

Wie weit ist der Fortschritt beim Unesco-Bewerbungsverfahren?

Die ersten Bewerbungsunterlagen wurden beim Bundesamt für Kultur eingereicht. Wir erwarten nun die entsprechende Stellungnahme des Amtes.

Wird der Überbegriff „…Jagdhornblasen...“ alle Jagdhorn-Bläser, gleich welches Instrument, hierbei einschliessen?

Natürlich umfasst unser Antrag alle in der Schweiz vorhandenen Arten des Jagdhornblasens. Wir machen da keinen Unterschied, weil wir das nicht für sinnvoll halten. Wenn wir erreichen wollen, dass die UNESCO uns als Kulturerbe anerkennt, können wir uns nicht in Einzelgruppen aufsplittern. Gefragt ist die Konzentration der Kräfte!

Vielen Dank für das Interview!

Konstanze Hofinger

Traunstein, Juli 2016