Atmung Teil I

Bei einem Treffen der aktiven Trompe-Bläserinnen Marion Rieke und Konstanze Hofinger ist dieser erste IT-Blog-Beitrag entstanden. 

Er stellt eine Übung vor, die zeigt, wie man die richtigen Muskelgruppen beim Blasen anspannen und kontrollieren kann, um möglichst viel mit möglichst wenig zu erreichen.

Aber zunächst beschäftigen wir uns mit der Frage: 

Haben alle Bläser dieselbe Voraussetzung?

Diese Frage muss mit einem klaren Nein beantwortet werden. Nicht nur eigene Eindrücke werden das bestätigen, sondern vor allem wissenschaftliche Abhandlungen (z.B. auf den Seiten über Sportmedizin der Sporthochschule Köln, Quellenangaben ff verlinkt).

Zusammengefasst könnte man sagen, dass Mädchen und Jungen im Kindesalter und Frauen und Männer ab dem 60. Lebensjahr über vergleichbare körperliche Kräfte verfügen.

Unterschiede in der Trainierbarkeit der einzelnen Muskelgruppen bestehen vornehmlich im Alter zwischen 16 Jahren und 40 Jahren. Im Kindesalter sowie ab etwa dem 60. Lebensjahr bestehen sie noch nicht bzw. nur noch geringfügig. (Quelle Nr. 2)

Zum Beispiel praktizieren Männer von Natur aus eine BauchatmungFrauen hingegen eine Brustatmung.

Der wohl grösste Unterschied liegt im Lungenvolumen:

Während Männer in der Regel ein Lungenvolumen von 6,5 bis 7 Litern haben (was bei Extremsportlern auf bis zu 10 Liter anwachsen kann), haben Frauen ein durchschnittliches Lungenvolumen von 4,5 bis 5 Litern, also ca. 30% weniger als die Herren. (Quelle Nr. 1)

Marion„Diese Erfahrung habe ich selbst schon gemacht. Auf einem Concours in Frankreich bot der Trompe-Hersteller Perinet an, das eigene Lungenvolumen mit einem Messgerät zu ermitteln. Mein guter Freund Klaus Tessmann machte den Test zuerst. Ergebnis: 6,7 Liter. Ich dachte mir, das schaff ich ebenfalls locker, ich bin ja gut trainiert. Mein Ergebnis: 3,8 Liter. Hmmm??! Das gab mir sehr zu denken. Ist das normal bei Klaus und/oder bei mir?“ 

Das Ergebnis stellte sich als völlig korrekt dar. Das ist die Realität.

Frauen und Männer haben also unterschiedliche Voraussetzungen für die Trompe, erst mit rund 60 Jahren sind unsere körperlichen Kräfte wieder dann verhältnismässig gleich. Es ist folglich eine Tatsache, dass Frauen ihr ganzes Leben gegen diesen Unterschied ankämpfen müssen - zumindest in der Zeit vom ca. 16ten bis 60sten Lebensjahr.

Marion"Erstaunlicher Weise hat mich in all' den Jahren niemand auf diese Unterschiede hingewiesen. Ich fragte mich schon oft, welchen Grund es gibt, dass es noch niemals eine Frau zum Champion de France oder International geschafft hat."

Hier noch ein paar Fakten zu den Muskeln und deren Trainierbarkeit:

Muskelkraft: Die absolute Muskelkraft pro cm² Muskelquerschnitt variiert auf Grund des höheren Anteils an eingelagertem Fettgewebe zwischen den Geschlechtern…Relativ gesehen kann der Muskelquerschnitt von Männern bis 20% größer sein als der von Frauen. Der Muskelquerschnitt hat starken Einfluss auf die Muskelkraft. Daher hat die Frau, bedingt durch die geringere Muskelmasse und den höheren Fettanteil, auch eine niedrigere Maximalkraft als der Mann. Je nach Muskelgruppe beträgt die Maximalkraft der Frau zwischen 54% und 80% der Kraft des Mannes. Die Unterschiede zwischen Frau und Mann sind in Bezug auf die im Alltag stärker beanspruchten Muskelgruppen größer als bei weniger beanspruchten Muskelgruppen. (Quelle Nr. 2)

Trainierbarkeit: Die Unterschiede in Muskelaufbau und Muskelkraft lassen Rückschlüsse auf eine graduell unterschiedliche Trainierbarkeit der Muskulatur zu, welche jedoch nur bezüglich einzelner Muskelgruppen und nicht generell besteht. Muskelgruppen, die überwiegend dynamische Bewegungsaufgaben ausführen, weisen eine geschlechtsspezifische Differenz hinsichtlich der Größe der Trainierbarkeit auf. Bei überwiegend statisch arbeitenden Muskelgruppen, wie etwa der Bauch- und Rumpfmuskulatur, ist die Trainierbarkeit bei beiden Geschlechtern identisch. (Quelle Nr. 2)

Es gibt nun zwei Möglichkeiten, mit dieser Tatsache als Frau umzugehen:

Resignieren und Aufhören, oder sich den Gegebenheiten anpassen.

Konstanze„Flexibilität - ist ja bekanntermassen eine weibliche Tugend!“

Marion„Ich liebte und liebe diese Trompemusik, also war Aufgeben keine Option. So fragte ich mich, wie kann ich diese unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen ausgleichen?

Ich musste eine Technik entwickeln, die mich mit 30% weniger Luft auskommen liess.“

Der Weg zum Ziel: Ökonomisieren des Luftausstosses

Das heisst, die Atmung sollte möglichst bis aufs Maximum ausgedehnt werden und die Muskeln müssen die Luft wieder so kontrolliert wie möglich herausgeben, um bis zu einem langen Finale in jeder Phrase (zusammenhängend geblasene Strophe beispielsweise einer Fanfare) zu kommen. Es ist also eine Technik notwendig, die zum Erlangen des Optimums in der Aufnahme und Abgabe der eingeatmeten Luft eines jeden Bläsers gleich welchen Geschlechts oder Alters braucht.

Zuerst müssen die Muskelgruppen, die für den richtigen Luftausstoss notwendig sind, gefunden werden. Es stellte sich heraus, dass es diverse Muskelgruppen braucht, um eine gute Kontrolle der Luftsäule zu erzeugen.

Marion„Ich fragte mich, wie kann ich diese einzelnen Muskelgruppen gezielt ansprechen, ohne dass der Körper verkrampft? Ich habe viel ausprobiert und eine Übung entdeckt, bei der man, ohne nachzudenken, automatisch exakt die richtigen Muskelpartien anspricht (ohne hier zu sehr ins Detail zu gehen und diese alle einzeln zu benennen).

Diese Übung nenne ich ‚Stuhlprobe‘ (geht aber auch mit einem Hocker) und damit es keine etwaigen Verwechslungen gibt, hier die Anleitung:"

1. Abbildung „Stuhlprobe - aufrechte Position“

• entspannt und gerade in aufrechter Position sitzen

• Horn ansetzen

• erst aus-, dann tief einatmen, damit die Lungen möglichst komplett gefüllt werden und beim Maximum Luft anhalten und bitte die Schultern locker lassen bzw. nicht nach oben ziehen

2. Abbildung „Stuhlprobe - zurückgelehnte Position“

• mit dem Oberkörper ca. 45 Grad nach hinten lehnen, gegebenenfalls die Füsse hochheben, oder beschweren

• und nun blasen - was immer man möchte: Fanfarenphrasen, Radouxphrasen, Tonübungen, etc.

Kontrolle: Hatte ich ein besseres Ergebnis?

Denn ist alles korrekt ausgeführt, ist das Ergebnis fast immer besser als zuvor. Wenn nicht, hatte man vorher schon eine gute Technik. Sonst geht man die einzelnen Punkte noch einmal genau durch, um es beim nächsten Versuch zu perfektionieren. 

Ein häufiger Fehler: Das zu späte Einatmen in der bereits zurückgelehnten Position. Achtung! Dies ist die Position der Muskulatur für das Blasen bzw. die Abgabe der Luft. Für die Einatmung sollten die Bauchmuskeln unbedingt entspannt sein, was für das Maximum des Lungenvolumens am besten in aufrechter Sitzposition funktioniert.

Bei der zurückgelehnten Position werden ganz automatisch die notwendigen Muskelgruppen angesprochen, vom Hals bis tief in den Rumpf, um eine optimale Kontrolle über die Luftsäule zu erhalten und um diese so zu komprimieren, dass ein kompakter Ton entsteht.

Die 3. und 4. Abbildung zeigen mögliche Fehlhaltungen

Marion„Im untrainierten Zustand beginnen die verschiedenen angespannten Muskeln immer mal wieder zu zittern. Mit fortschreitendem Training hört das aber auf. Vor allem habe ich mich früher immer auf die verschiedenen Muskeln konzentriert, die ich gerade anspannen wollte bzw. sollte. Das führte oft zu Hals-, Rücken-, Bauch- und Kopfschmerzen, sowie Verspannungen, manchmal auch mehreres zusammen, weil ich ja versuchte, den enormen Druck für die Trompe herzustellen und aufrecht zu erhalten. 

Die ‚Stuhlprobe‘ macht es möglich, die richtigen Muskelgruppen gleichzeitig und gleichmäßig anzuspannen, ohne sich dabei selbst körperlich wehzutun."

Es wird dann noch eine Herausforderung sein, das Gelernte von der sitzenden in die stehende Position zu übertragen - dazu mehr in einem neuen Blog!

Konstanze„Von Deiner Übung habe ich bereits sehr profitiert, sowohl selbst, als auch mit der Kindergruppe. Es war ein unglaublich überraschender Effekt, welche Tonqualität und Ausdauer die Kinder plötzlich Zustande bringen. Dazu haben sie einen grossen Spass, denn mit Abwechslung gestaltet sich das Üben einfacher und effektiver. Genial auch, dass die Gefahr beim Üben zu Hause Fehler zu entwickeln und auszubauen, deutlich vermindert ist.“

Das Blasen der Trompe kann regelmäßiges (möglichst tägliches) Training der Haltemuskulatur (Rücken-, Hals- und Bauchmuskeln) unterstützen. Hier einige mögliche Übungen dazu:

Noch eine Anmerkung: die in diesem Blog vorgestellte Übung funktioniert natürlich nicht nur für Frauen. Es zeigt sich lediglich, dass die Männer etwas bessere körperliche Voraussetzungen als Frauen für das Trompe-Blasen haben. 

Ein Hinweis zum Trompe-Blasen allgemein: das Blasen der Trompe kann sehr anstrengend sein, wie eine neue Sportart, an die sich der Körper erst gewöhnen muss. Anfänger, die eine eher schlechte körperliche Konstitution haben, sollten ggf. zuvor einen kurzen Check-Up beim Arzt machen lassen.

Viel Spass beim Üben!

PS: Die IT freut sich über Erfahrungsberichte und Anregungen.